Hinter den Kulissen

Übereinander oder miteinander reden?

Vier Generationen kommen zusammen, um anlässlich von runden Geburtstagen und Jubiläen ein großes Fest zu feiern. Ein DJ wurde engagiert, um diese Feier auch musikalisch zu einem Erlebnis werden zu lassen. Als ein deutscher Schlager dem nächsten folgt, spitzt sich die Atmosphäre immer weiter zu und die musikalischen Darbietungen werden zum Gesprächsthema Nr. 1. Viele der Anwesenden haben nur wenig für diese Musikrichtung übrig.

„Es ist zwar leichter, aber nicht wertschätzend oder hilfreich, über jemanden zu sprechen, statt mit ihm“, denke ich bei mir und gehe auf den Mann hinterm Mischpult zu. Ich frage ihn, ob er sich vorstellen könnte, die Musikrichtung zu wechseln und vielleicht etwas mehr in Richtung Rock/Pop zu gehen. „Selbstverständlich“, bekomme ich zur Antwort, „seit zwei Stunden versuche ich alles, was mir möglich ist, aber ohne Erfolg. Ich ernte nur böse Blicke und niemand kommt zu mir, um direkt mit mir zu sprechen. Ich bin doch für Wünsche offen.“ Ich erfahre, dass er gestern schon „aufgelegt“ habe und heute nur eingesprungen sei. Eigentlich lege er niemals zwei Abende hintereinander auf. Und dann sei gestern auch noch der PC abgestürzt, sodass ein Großteil der Musik abhandengekommen sei… und … und … und …

Ich habe die Wahl: Entweder ich urteile (vorschnell) oder ich mache mir die Mühe, hinter die Kulissen zu blicken.

Er habe alles getan, was ihm möglich gewesen sei, hatte der DJ gesagt. Im Verlauf unseres Gespräches kam heraus, dass er selbst mit Schlagern aufgewachsen ist und dass er vornehmlich für junge Leute auflegt, die Schlager mögen. Dieser nur flüchtige Blick hinter die Kulissen, rückt harte Urteile über die Professionalität dieses Menschen in ein neues Licht. Ja, hier war ein Mensch am Werk, der in einer schlechten persönlichen Verfassung war, mit begrenztem Equipment arbeitete und ein Publikum zufriedenstellen wollte, das wenig für seine Art des Könnens übrighatte.

Wenn wir Menschen uns öfter die Mühe machen, einander offen zu begegnen, einander intensiv zuzuhören und zu versuchen, uns gegenseitig zu verstehen, dann lösen sich manche unserer Urteile in Luft auf. Außerdem können wir einander sagen, was wir denken und uns wünschen, sodass sich Chancen für Veränderungen ergeben. Ob in unserem privaten Umfeld oder im Business: Von den Menschen, die uns umgeben, sehen und wissen wir nur einen Bruchteil. Unsere Perspektive ist nicht allumfassend, sondern zeigt uns nur einen Bruchteil der Gesamtsituation. Wenn wir Dinge direkt, wertschätzend und achtsam beim Namen nennen, kommen mehrere Perspektiven zusammen und das Bild vergrößert sich. Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sich Situationen in Richtungen lenken lassen, die für alle Beteiligten von Vorteil sind. Dazu brauchen wir den Mut, einander direkt zu begegnen!

Alltagsübung

Ich überprüfe mich selbst: Wann habe ich das letzte Mal über jemanden, statt mit ihm gesprochen? Was genau war der Grund dafür? Hat mich eine Verhaltensweise irritiert? Habe ich mir Sorgen um jemanden gemacht oder war ich wütend, weil er sich nicht nach meinen Wünschen verhalten hat? Was genau würde ich dieser Person sagen oder sie fragen, wenn sie vor mir stünde? Kann ich jetzt noch auf diesen Menschen zugehen, um die Dinge direkt zu klären? Und wenn das in dieser Situation nicht mehr geht, was nehme ich es mir für ähnliche Situationen in der Zukunft vor?