Kreislauf des Lebens

Wie steht es eigentlich um mein Verhältnis zu Leben und Tod?

Seit einigen Wochen komme ich fast täglich an einer bestimmten Stelle vorbei. Ich bemerkte eines Tages, dass sich am Wegesrand Pilze ihren Weg an die Oberfläche gebahnt hatten. Ich hatte sie am Vortrag noch nicht bemerkt. Sie schienen aus dem Nichts gekommen zu sein, eben so wie Pilze eben aus dem Boden sprießen. Sie waren zuerst noch klein und zart, straff in der Struktur und hatten in ihrem Prozess des Wachsens durchaus noch das ein oder andere Hindernis vor sich. Ich war interessiert daran, zu beobachten, wie sie z. B. mit den beiden großen Steinen umgehen würden, die gar nicht daran dachten, den Pilzen Platz zu machen, sondern ihnen seelenruhig den Weg versperrten. Die Pilze kümmerte das wenig, wie es schien. Sie bahnten sich ihren Weg um die Hindernisse herum. Tag für Tag entwickelten sie sich weiter, wurden größer, breiteten sich aus, wechselten ihre Farbe von hell nach dunkel, und … lösten sich eines Tages komplett selbst auf. Zurück blieb eine braune dicke Masse, die an der Stelle den Boden bedeckte, wo die Pilze noch kurz vorher in ihrer vollen Pracht gestanden hatten. Nur noch an wenigen Stellen ließ diese unansehnliche, formlose Masse die Kontur eines Pilzkopfes erahnen.

Werden, Wachsen, Gedeihen und Vergehen gehören zum natürlichen Verlauf aller Lebensformen … auch meiner eigenen.

Als ich die Pilze betrachtete, habe ich zusehen können, wie sich ein ganzer Lebenskreislauf öffnet und wieder schließt. Angefangen von dem vorwitzigen Durchbrechen aus der Dunkelheit ans Licht, über das entschlossene Entfalten von Schönheit und Stärke der Jugend, bis hin zur Pracht des Lebenshöhepunkts und schließlich dem stillen Vergehen, dem Auflösen der eigenen Form.

Bei all dem sahen die Pilze – zumindest für mich nicht erkennbar – nicht so aus, als würden sie versuchen, irgendetwas anders haben zu wollen, als die Natur es für sie vorgesehen hatte. Sie wollten nicht als Kinder möglichst schnell groß werden, um endlich dieses oder jenes zu „dürfen“. Sie haben auch nicht versucht, krafthaft ihre Jugend zu verlängern, um ihre Stärke und Schönheit zu bewahren. Und als es Zeit war, zu gehen, starben sie leicht und legten ihre Form einfach ab, ohne ein Drama daraus zu machen und vor dem zu erzittern, was wir den „Tod“ nennen.

Alltagsübung

Jetzt, im November, kommen wieder manche dunklen Tage. Ich heiße diese dunklen Tage willkommen, und stimme diesmal nicht in den allgemeinen Chor der Stimmen ein, dass dieser Monat zu schlechter, manchmal sogar depressiver Verstimmung einlädt. Ich sehe in diesem Monat stattdessen meine Chance, mich mit meinem eigenen Lebenskreislauf zu befassen und zu versöhnen, angefangen von meiner Geburt bis hin zu meinem physischen Tod. Welche Stadien habe ich bereits durchlaufen? Und wo in meinem bisherigen Leben bin ich in den Widerstand gegangen, weil ich die Dinge gern anders gehabt hätte, als sie wirklich waren? Wo stehe ich jetzt? Mit welchen „Problemen“ und „Herausforderungen“ sehe ich mich vielleicht gerade jetzt konfrontiert? Oder gehen die Dinge gerade leicht? Macht mir der Tag Angst, an dem mein physischer Tod eintreten wird oder habe ich mich bereits mit der Vergänglichkeit meines Körpers ausgesöhnt?

Ich beurteile bei alledem nichts, sondern nehme einfach nur wahr. Und dann erinnere ich mich an die Leichtigkeit der Pilze, die sich ganz widerstandlos in den Kreislauf aus Werden, Wachsen, Gedeihen und Vergehen eingefügt haben. Auch aus den Hindernissen – den Steinen, die ihnen im Weg lagen – haben sie keine große Sache gemacht, sondern haben ihren Weg drumherum gefunden, und sie damit einfach in das Kunstwerk ihres Lebens integriert.

Wenn ich mein eigenes Leben einmal mit der Leichtigkeit betrachte, die mir die Pilze zeigen, kann ich dann Abstand von den Dramen meines eigenen Lebens nehmen? Kann ich dann sehen, dass alles gar nicht so „schlimm“ ist, wie es gerade scheint? Bekomme ich dann eine Ahnung davon, dass ich mit meiner Geburt wie ein Schauspieler die Bühne betreten habe, dass ich jetzt die Rolle meines Lebens spiele, und dann eines Tages wieder hinter den Vorhang zurückgehe? Das Theaterstück, dass ich „mein Leben“ nenne, ist nicht mehr und nicht weniger als das. Wenn ich das einmal wirklich verstanden und gefühlt habe, gehen die Dinge leichter … Ich nutze diesen Monat, um auszuprobieren, „mein Leben“ einmal aus der Sicht eines Pilzes zu betrachten, der einfach und mit Leichtigkeit den Kreislauf von Werden, Wachsen, Gedeihen und Vergehen durchlaufen hat und dabei alles zu seiner Zeit genauso angenommen und durchlebt hat, wie es dran war.