Zauber des Alltags

Welche Schätze der Erinnerung trage ich in mir?

Ich kann mich noch gut erinnern, an diesen besonderen Moment im Jahr. An Heiligabend, nachdem wir aus der Kirche zurück nach Hause kamen, ging ich direkt die geschwungene Holztreppe hinauf in mein Kinderzimmer, um die selbstgebastelten Geschenke für meine Eltern zu holen. Ich versuchte mir dabei so viel Zeit zu lassen wie irgend möglich. Ich wusste schon, dass es ohnehin eine gefühlte kleine Ewigkeit dauern würde, bis ich nach unten, ins Wohnzimmer, gehen könnte, um den schönen Baum im lichtvollen Glanz erstrahlen zu sehen. Aber würde ich in meinem Zimmer denn auch den Klang hören, der ankündigen sollte, dass es nun soweit war? Besser sollte ich wohl schon einmal zur Treppe gehen, mich oben auf die erste Stufe setzen, und lauschen, wann das kleine Glöckchen erklingen würde.

Der „Zauber“ liegt nicht (nur) in Märchen und Wundern, sondern lässt sich im ganz Alltäglichen finden.

Wenn ich an diese Vorfreude zurückdenke, an den Moment, den ich so sehr liebte, erfüllt es mich mit Geborgenheit und Dankbarkeit. Meine Eltern hatten mir keine Geschichten dazu erzählt, dass in diesen Momenten des Wartens das „Christkind“ oder der „Weihnachtsmann“ käme, um dann bereits wieder verwunden zu sein, wenn ich den Raum beträte. Ich wusste, dass die Geschenke von Eltern, Großeltern und anderen lieben Menschen kamen. Auch hatte ich gelernt, mich zurückzuhalten, wenn andere Kinder davon erzählten, was ihnen diese Weihnachtsgestalten gebracht hatten. Das war wie ein kleines Abkommen zwischen meinen Eltern und mir: Wir – als Eltern – sprechen offen mit dir. Du – als Kind – gehst nicht hinaus und nimmst anderen ihren Weihnachtszauber. Darauf hatte ich mich eingelassen … und es tat meinem eigenen Weihnachtszauber keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Ich lernte früh, dass der „Zauber“ nicht (nur) in Märchen liegt, die wir uns erzählen, sondern dass wir den Zauber im Alltäglichen, im Profanen, im ganz „Normalen“ entdecken, würdigen und bestärken können. Für diese „Weihnachtslektion“, die weit über die Festtage in mein Leben hinausgestrahlt hat, bin ich zutiefst dankbar!

Alltagsübung

Jetzt, im Lichtmonat Dezember, halte ich Augen, Ohren und Herz weit geöffnet. Wenn die Tage nun noch ein wenig dunkler werden und wir sie mit Kerzenschein und Lichterketten erhellen, dann lasse ich mich – so gut ich gerade kann – auf den „alltäglichen Zauber“ dieser Zeit ein. Vielleicht entstehen durch Gerüche von Keksen und Gewürzen Gefühle einer tiefen Geborgenheit in mir. Vielleicht erinnere ich mich bei dem Besuch eines Weihnachtsmarktes, wie jemand in Kindertagen meine Hand hielt, um mich im Menschengetümmel nicht zu verlieren. Dann kann ich erkennen: Auch wenn diese Hand jetzt vielleicht nicht mehr einem großen, beschützenden Erwachsenen gehört, so ist dort doch immer – in jedem Augenblick – die Hand des Lebens, die mich hält und leitet. Vielleicht schmücke ich auch meine Räumlichkeiten weihnachtlich, und mache mir dabei deutlich, über welch große Gestaltungsmacht ich verfüge: Es liegt in meiner Hand und an meinem Einsatz, nicht nur meine Umgebung, sondern mein ganzes Leben auf eine Weise zu gestalten, wie sie wirklich zu mir passt und ganz und gar stimmig ist. … Und wenn ich mit Weihnachten gar nichts am Hut habe, dann bestaune ich vielleicht den Zauber, der darin liegt, dass ich in jedem Moment geatmet werde, dass mein Herz schlägt und die unbegreifliche Intelligenz meines Körpers mir so viele Möglichkeiten gibt, um den „Zauber des Alltags“ zu erkennen und mitzugestalten.