Wird Ostern jetzt auch noch abgesagt?

Hinweis zum Bild auf dem Foto: „Am Ostermorgen“ aus dem Buch „Wege zum Ich. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben“. Eignet sich in diesen Tagen besonders zur Innenschau (siehe weiter unten „5-Schritte-Programm“ für die Ostertage).

Meine Ostergedanken von Mensch zu Mensch, und deshalb per „Du“:

In dieser Zeit, in der das öffentliche Leben in weiten Teilen auf das „absolut Notwendige“, das Systemrelevante, reduziert wird, stellt sich doch die Frage, was in diesem Jahr mit Ostern ist. Wird Ostern jetzt auch abgesagt? Oder liegt etwas im Osterfest, das in die Kategorie „absolut notwendig“ hineinfällt und deshalb nicht abgesagt werden muss?

Familientreffen, Ausflüge und Urlaube, Osterfeuer und Konzerte, Ostermärsche und öffentliches Ostereisuchen und auch Gottesdienste fallen nicht in diese Kategorie, absolut notwendig zu sein. Für manchen mag sich das ganz anders anfühlen. Menschen sehnen sich nach Zeit mit ihren Liebsten. Sie haben sich auf erholsame Luftveränderung abseits des täglichen Einerlei gefreut. Einige schätzen die besonderen öffentlichen Aktionen an den Feiertagen, auch um dabei mit Menschen in Kontakt zu kommen, die sie sonst vielleicht nicht treffen würden. Da gibt es die vielfältigsten Ostertraditionen, die weit zurückreichen und in diesem Jahr pausieren. Gottesdienste, die in den Bereich der religiösen Tradition fallen, finden ebenfalls nicht statt. All das wird in diesen Tagen also als nicht „absolut notwendig“ eingestuft. Dann könnte Ostern doch auch einfach ausfallen, oder nicht?

Auch wenn die Feiertage durch liebgewonnen Traditionen in Familie, Gesellschaft und Gemeindeleben bisher alljährlich wiederkehrende Formen angenommen haben, bedeutet das nicht, dass sie die „absolute Notwendigkeit“ des Osterfestes widerspiegeln. Zwar sind sie vordergründig das, was Ostern für viele Menschen auszeichnet, aber wenn es dabei bliebe, müsste Ostern tatsächlich in diesem Jahr einfach ausfallen, denn all das findet in diesen Tagen ja nicht wie gewohnt statt.

Für mich gibt es eine Dimension von Ostern, die tiefer liegt, und die auch in der Abgeschiedenheit der eigenen vier Wände erfahren werden kann. Diese Dimension existiert ganz unabhängig davon, ob wir uns ein Label, wie „christlich“, „religiös“, „spirituell“, „esoterisch“, „atheistisch“, „agnostisch“ etc. zu eigen gemacht haben. Auch oder vielleicht gerade unter dem Eindruck aller (religiöser) Verschiedenheit haben wir als Menschen(!) die Wahl, ob wir uns für die Tiefe der Osterbotschaft öffnen möchten oder nicht. Und diese Botschaft ist insbesondere in diesen so bewegten Zeit hoch aktuell. In dem Ostergeschehen liegt die Zusage Gottes, dass das Leid nicht das letzte Wort hat, sondern ein Durchgangsstadium ist. Am Ende steht die Auferstehung!

Das Leid in der Welt steht uns jetzt noch deutlicher als sonst vor Augen. Während Hunger, Verarmung, Sterben, Kriege etc. unserer Wohlstandgesellschaft weitgehend fern sind, spüren wir die Auswirkungen der derzeitigen Situation ganz konkret im eigenen Leben. Das fordert uns heraus, dieses Leid anzunehmen und seine Auswirkungen auf uns und unsere Gesellschaft zu er-tragen.

Nach meinem Verständnis steht Karfreitag für das Leid, das Jesus in Form des Kreuzes auf sich genommen hat. Er ist dem Leid nicht ausgewichen, sondern hat sich ihm gestellt und es an sich geschehen lassen. Dadurch hat er ein Beispiel dafür gegeben, wie mit dem Leiden umzugehen ist, mit dem wir selbst uns konfrontiert sehen: Mensch, nimm dein Leid – dein Kreuz – auf dich, weiche ihm nicht aus, sondern sieh hin und er-trage es. Jesus hat dieses in der äußersten Form des Leidens gezeigt, das die Welt kennt, nämlich dem Tod. Er ist bis in den Tod hineingegangen, aber nicht um sich darin geschlagen zu geben, sondern letztlich um ihn zu überwinden!

Und hier schließt sich für mich der Kreis: Das ist das „absolut Notwendige“, die Hoffnungsdimension, dass es eben nicht beim Leiden bleibt, sondern dass das Leid nur ein Durchgangsstadium ist; ein notwendiges zwar, aber ein vergängliches. Das Leid zeigt an, dass etwas nicht (mehr) stimmig ist und verändert werden soll und muss. Ist die Veränderung erst einmal vorgenommen, hat das Leid seine Aufgabe getan, und kann wieder vergehen. Bis dahin aber zwingt es uns zur Verhaltensänderung, genauso wie wir es in diesen Tagen erleben. Es stellt sich uns mit aller Macht in den Weg, um uns die Möglichkeit zu verstellen, weiterhin an ihm vorbei zu sehen. Jetzt ist die Zeit gekommen, uns zu fragen, was wir aus diesem Leid lernen können. Jetzt ist die Zeit gekommen, um Veränderungen im eigenen und gesamtgesellschaftlichen Leben vorzunehmen, die längst überfällig sind. Jetzt die Zeit gekommen, um das „Nice-to-have“ mutig und konsequent vom „absolut Notwendigen“ zu unterscheiden und dann weise zu wählen.

Wann, wenn nicht an diesem Osterfest, bietet es sich mehr an, sich den persönlichen und globalen Herausforderungen mutig zu stellen, sie ehrlich anzusehen und nach praktikablen Lösungen zu suchen, um sie – endlich (!) – zu überwinden? Denn mit Ostern werden wir an die Zusage Gottes, des Lebens, des Universums – oder welchen Namen du selbst dem Ursprung allen Seins auch geben magst – erinnert, dass nicht das Leid am Ende steht, sondern die Auferstehung.

Das wiederum dürfen wir uns am Ostersonntag vergegenwärtigen. Die Nacht von Samstag auf Sonntag erinnert daran, dass Jesus den Tod überwundern hat und als Christus auferstanden ist. Eine Auferstehung kann jeder von uns inmitten unseres derzeitigen Lebens erfahren. Nach schwerer Krankheit zu genesen, Ängste und Nöte zu überwinden, zwischenmenschliche Konflikte zu beheben, (selbst-) zerstörerische Gewohnheiten abzulegen, die Sinnlosigkeit des alltäglichen Einerlei zu durchbrechen etc., all das sind Anzeichen einer Auferstehung inmitten des Lebens.

Ostern also ist gerade in diesem Jahr eine besondere Möglichkeit, um sich abseits von allem – wenn auch noch so schönen, doch auch vom „absolut Notwendigen“ ablenkenden – Ostertrubel auf sich selbst und das eigene Leben zu besinnen. Diese Einladung geht nicht exklusiv an gläubige Christen, sondern sie geht an jede und jeden einzelnen von uns, die wir momentan in unserem Menschsein unterwegs sind.

Fragen wir uns also in diesen Tagen: Wo in meinem Leben gibt es Leid und Stillstand? Wie kann ich mich dem stellen? Wodurch überwinde ich es?

Und wenn wir bereit sind, uns auf diese – möglicherweise auch sehr unangenehmen Fragen – einzulassen, öffnen wir uns zugleich für die frohe Osterbotschaft, dass sich Leid und Tod überwinden lassen, und in die Auferstehung einmünden. Das ist die besondere Chance, die nicht nur in den Feiertagen liegt, sondern in dieser bewegten Zeit:

Mensch, lerne, das Unwesentliche vom „absolut Notwendigen“ zu unterscheiden und überwinde gerade dadurch dein Leid, um neu in dein Leben und diese Welt aufzuerstehen.

Ein gesegnetes Osterfest uns allen; ein Fest der Erkenntnis, dass am Ende Auferstehung steht!

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5-Schritte-Programm für die Ostertage… und danach:

  1. Schritt: Schreibe ein bis drei Aspekte deines Lebens auf, die dir gerade Leid verursachen, dir Angst machen, dich in deiner Kraft beschneiden. Das können sehr aktuelle Themen sein oder aber solche, die sich schon seit Jahren oder gar Jahrzehnten wie ein roter Faden durch dein Leben ziehen.
  2. Schritt (Karfreitag): Trage diesen Zettel einfach bei dir. Schau immer wieder zwischendurch darauf, ohne jetzt sofort nach Lösungen und Antworten zu suchen. Spreche dir vielmehr selbst zu: „Ich sehe mein Leid, und akzeptiere es für diesen Moment.“
  3. Schritt (Karsamstag): Schaue dir den Zettel wieder zwischendurch an, weiterhin ohne etwas verändern zu wollen. Sage dir jetzt: „Ich bin offen dafür, dieses Leid abzulegen und etwas Neues daraus auferstehen zu lassen.“
  4. Schritt (Ostersonntag): Schau dir den Zettel am Morgen an und öffne dich für Möglichkeiten der Veränderung, indem du dir und dem Leben die Frage stellst: „Was könnte ich konkret tun, um dieses Leid hinter mir zu lassen?“ Suche nicht konzentriert nach Antworten, sondern lege Schreibzeug bereit, um alle Ideen, die dir während des Tages „zufliegen“ erst einmal ganz unsortiert und ohne Urteil aufzuschreiben. So hast du am Ende des Tages einen Fundus an Möglichkeiten.
  5. Schritt (Ostermontag): Schaue dir die vielen Möglichkeiten an, und entscheide dich für ein bis max. drei Maßnahmen, die du konkret angehen möchtest. Mach dir zudem bewusst, dass es Situationen geben kann, in denen du versucht sein wirst, wieder in alte Verhaltensmuster zu verfallen. Überlege dir deshalb ganz konkret, was du in solchen Situationen tun wirst, um dich auf Kurs zu halten. Mach dir Notizen dazu, die du im Bedarfsfall sofort zu Hand hast.

Wenn du das Buch „WEGE ZUM ICH. Klar, selbstbestimmt und kraftvoll leben“ zur Hand hast, ist es gerade in diesen Tagen hilfreich, öfter in die Innenschau zu gehen. In der Einkehr werden sich dir Ideen und Maßnahmen zeigen, die du nicht erkennst, wenn du nur darüber nachdenkst. Dazu könnten sich besonders die Angebote „Die Torheit des Kreuzes“ (ab S. 179) und „Am Ostermorgen“ (ab S. 205) eignen.

Wichtig ist noch: Übe dich in Vertrauen in dich selbst und das Leben. Alles, was du brauchst, um deine leidvollen Themen auf eine gute Weise zu bearbeiten, kommt zur rechten Zeit und auf rechte Weise zu dir, auch wenn du es jetzt gerade (noch) nicht sehen kannst! Mache auch keinen „Staatsakt“ aus dieser Übung. Es ist nicht nötig, viel Extrazeit am Tag zu investieren, wenige Minuten reichen bereits aus. Diese Übung kann einfach nebenbei laufen, selbst dann, wenn du an den Feiertagen viel um die Ohren hast … und natürlich kann sie danach auch immer wieder mit noch weiteren offenen Themen durchgeführt werden …😉